Das Silverrudder ist eine Einhandregatta rund Fünen, die es nun seit 8 Jahren gibt. Mit 450 gemeldeten TeilnehmerInnen ist es die größte Einhandregatta der Welt. Das Wort TeilnehmerInnen bezieht sich auf die drei Frauen, die gemeldet haben, ansonsten handelt es sich um Männer, die sich was beweisen wollen... Daher heißt es auch Challenge of the Sea... Für jedermann- und -frau könnte man hinzufügen, denn die Auflagen sing gering. Anders als bei ORC Offshoreregatten erfüllt quasi jedes Boot die Sicherheitsauflagen. Von winzigen Seascape 18 bis zur 55 Fuß X Yacht ist alles dabei. Unterwegs gibt es diverse Häfen, wo erschöpfte SeglerInnen aussteigen können.

Seit Jahren hat mich die Veranstaltung interessiert, ich hab mich nur nie getraut, obwohl ich viel einhand segel, aber über Nacht und mit Spi einhand?

Dieses Jahr war es nun soweit. Die Wochen vorher hab ich mich immer wieder gefragt, warum ich mir den Stress antue. Den Zubringer bin ich am Donnerstag von Maasholm obenrum über Søby bei schönstem Wetter gesegelt und war rechtzeitig in Svendborg. Vorher noch das Boot leer geräumt, die Polster raus, den Tank leer, jede vergessene Spagettipackung entfernt. Leicht muss es sein. Der Hafen voll von Päckchenliegern und viel Segelprominenz. Die Red, die Black Maggie, der Trimaran Black Marlin und die beiden deutschen Vector 650 Minis der diesjährigen Minitransat. Cool, wenn einen schnelle Boote interessieren. Auch Heiko vom FCSP mit seiner Yella war dabei, schon das dritte Mal.

Am Nachmittag dann Infomeeting und gemeinsames Essen. Das offizielle Wetterbriefing von „Mette“ versprach gute Bedingungen mit Westwind von 10 bis 14 kn aus West, Samstag mittag abflauend. Windfinder sagte was anderes, aber die Dänen kennen ihr Wetter ja.

Beim Essen lernte ich Marianne kennen, eine Dänin, die mit ihrem selbstgebauten 45 Fuss Holzboot teilnehmen wollte. Respekt.

Nachts konnte ich nicht gut schlafen, weil ich Bammel, hatte. Ich hatte mir zwei Ziele gesetzt: das Boot heile lassen und rumkommen. Also defensiv starten. Die Platzierung ist zweitrangig, weil in den Gruppen ganz unterschiedliche Boote ohne Vergütung gegeneinander segeln. Mit 5 cm über 30 Fuß war die Grote Bim Bam dann das kleinste Boot in der Gruppe 1 Keelboat Medium. Gnädigerweise waren die ganz heißen Kisten in der Gruppe Keelboat Medium 2.

11:30 dann Start, raumschots Richtung Osten, den ich komischerweise ganz gut erwischt hatte. Es gibt beim Silverrudder kein Penalty für Frühstart. Man ist dann einfach raus. Von daher wollte keiner so knapp starten. Plötzlich war ich nach dem Start Zweiter. Der Code 0 war die richtige Wahl, um durch das gewundene enge Fahrwasser nach Tåsinge zu steuern, so dass ich, als den anderen die Spis und Gennaker am Eck einfielen, als zweiter vorneweg fahren konnte, wow, das war aufregend. Am Ende des Fahrwassers musste ich dann auf den Gennaker wechseln und bis Thurø Rev vor dem Wind kreuzen, so dass die Spi Boote wieder aufholten. Hinter Thurø Rev dann ein gespitzter Raumschotskurs zur Großen Belt Brücke. Da zog die Sun Fast 3200 dann vorbei und ich war noch Dritter. Weil der Wind auf 15-17 Kn zulegte, hatte ich zunehmend Probleme, die Kiste aufrecht zu halten. Tiefe Kurse kann ich bis 20 kn fahren, aber für 17kn Wind ist das Boot bei spitzen Kursen einfach zu rank. Nach zwei knackigen Sonnenschüssen mit Wasser im Cockpit musste der Gennaker dann runter. War auch fast kein Unterschied, um die 8 Knoten waren trotzdem drin.

Dann die Große Belt Brücke... Natürlich nimmt keineR die offizielle Durchfahrt, die in der Karte mit 18m Höhe angegeben ist. Ich konnte aber auch nicht herausfinden, wie hoch die landeinwärts liegenden Bögen sind, durch die der Weg kürzer ist. Silverrudder ist Rudelnavigation. Inzwischen hatten wir vier auch die Startgruppe der kleinen Kielboote teilweise eingeholt. Also, das Boot da vorne hat bestimmt einen höheren Mast als die Grote Bim Bam. Dann mal hinterher. Auf dem Infomeeting wurde ein Bild von einer X79 gezeigt, die mit abgeknicktem Mast vor der Brücke trieb - der hatte sich verschätzt. Sieht knapp aus, wie immer bei Brücken, aber passt. Wahrscheinlich waren noch drei Meter über.

Ich hatte mich ja eigentlich auf einen schönen Halbwindritt mit leichten Bedingungen bis zur Nordspitze Fünen eingestellt. Autopilot, was Essen können usw.. Das mit dem Autopilot ging schon auf dem Gennakerkurs nicht, weil das entschlossene Abfallen kurz vorm Sonnenschuss nicht so seins ist. Aber nach der Brücke stellte sich der leichte Halbwindkurs als knapper Anlieger mit kräftig und böig auffrischendem Wind dar. Ständiges arbeiten am Traveller, Groß auf, Groß zu, wieder mal auf der Backe liegen und wieder auf die hohe Kante klettern... Jedesmal, wenn der Wind auf 17 kn hochging die Überlegung reffen oder nicht? Fünfminutenregel. Von hinten kamen die ersten Breitarsch-Doppelruder Hochseerenner und Trimarane auf, die mühelos die Drücker in Speed umsetzten. Ein bischen Neid und die Erkenntnis, dass dies eine mühsame Nacht wird und ich das Ruder maximal zum pinkeln aus der Hand lassen kann, wenn ich schnell sein will. Irgenwann war ich den Kampf mit dem Groß leid und steckte das erste Reff, was nicht viel nützte, denn der Wind ging weiter hoch.

Während ich mich abmühe, um die Höhe nach Romsø Sund zu halten, höre ich hinter mir ein Geräusch. Der Trimaran Black Marlin zischt mit geschätzten 20 kn vorbei, fliegt fast, denn der Mittelrumpf liegt auch schon einen Meter über Wasser, nur auf dem Leeschwimmer. Kein Reff, einfach Druck in Speed umsetzen. Was für ein Geschoss.

Wir passieren jetzt auch erste Seascape 18 aus der frühen Startgruppe Keelboat small. Was für ein Mut mit diesen besseren Jollen das Rennen zu segeln. Keine Reling, kein Schutz, kein Autopilot, nur nass. und sie kämpfen mit den Böen. So richtig viel reffen kann man da auch nichts.

Gegen 19:00 Uhr ist die Nordspitze von Fünen querab und es dämmert. Mir dämmert, dass der Kurs nach Middelfahrt ein fürchterliches Gebolze wird. Eine lange Kreuz, der Wind inzwischen bei 20 kn und eine fiese steile Welle. In der Nacht bekommen wir dann bis zu 24 kn Wind auf die Nase. Ich stecke auf dem hopsenden Schiff noch das zweite Reff (da bleibt bei mir nur ein Handtuch) und halte mich gefühlt auch mit den Zähnen dabei fest. Ich möchte im Dunkeln nicht nach vorn müssen. Bei Lillegrund an der Nordspitze drängeln sich nochmal alle ums Flach, hinein in die grobe See. Darunter auch ein paar Superehrgeizige die ihre Ausweichpflicht bis auf den letzten Zentimeter dehnen. Das muss ich echt nicht haben. Sich selbst fordern, ja, aber hochluven, abdrängen, knapp manövrieren, das ist nicht meins. Deswegen liegen mir klassische Dreiecks- Regatten nicht.

Dann geht der Ritt gegenan los und es wird stockdunkel. Bis geschätzt drei oder vier Uhr nachts heißt es kreuzen, gebeutelt und geduscht werde, nix sehen. Nur manchmal die Schaumstreifen der durchrollenden Brecher, wenn das Boot mal wieder die Reling durchs Wasser zieht und die Steuerbordtopplaterne die Szene grün beleuchtet. Was ich unterschätzt habe, ist die Konzentration, die das nächtliche Segeln in einer so großen Gruppe bedeutet. Alle suchen den selben Weg nach Middelfahrt. Unter Land kommen und eng an der Küste kreuzen, um weniger Wind und Welle zuhaben. Dadurch gibt es alle fünf Minuten eine Situation, in der ich, wenn ich auf Steuerbordbug laufe, anhand der Lichter entscheiden muss, ob ich auf Kollisionskurs bin und ausweichen muss, oder ob es passt. Hoch konzentriert, immer beunruhigt. Rote Lichter sind gefährlich, denen muss ich ausweichen, grüne Lichter sind ok, die müssen mir ausweichen... Irgendwann in der Nacht scheint das ein Däne nicht begriffen zu haben, erst als ich brülle und ihn mit dem Scheinwerfer anleuchte, versucht er eine Wende, die ihm nicht gelingt. Ich fahre das Manöver des letzten Augenblicks und schreie Protest! Wir waren vielleicht 10 m voneinander entfernt. Die Nacht ist voll von roten, grünen und weißen Lichtern. Überall um mich herum. Alle wollen jetzt um Abelo rum. Angeblich soll dicht unter Land weniger Strom setzen. Ich habe keine Lust mehr auf das Gedränge und fahre einen weiten Schlag Richtung Endelave, bis ich Middelfahrt mit langem Bein anliegen kann. Und mein bester Freund ist der Plotter. Der zeigt nämlich auch die Laylines an, mit Stromversatz und Berücksichtigung der Windstärke und meiner persönlichen Targetangles. Ich sehe ja keine Telltales im Dunkeln. Ich kann einfach der roten und grünen Layline folgen, toll!

Zwischendrin merke ich, wie sehr das körperlich fordert. Seit dem ersten Gennakerbergen mit Sonnenschüssen bin ich dauerhaft schweißgebadet, trotz Merinounterwäsche. In der Nacht ist es schon ziemlich kalt. Irgendwann in der Nacht muss ich mich zum pinkeln ausziehen und wechsel auf trockene Socken, die Füße waren kalt vor schweiß. Ich gönne mir 10 Min Autopilot (das Boot kreuzt dann nur mit 4 kn) für etwas zu essen. Und die Nachrichten auf dem Handy beantworten, denn Familie und Freunde verfolgen mich auf den Tracker.

Hinter Abelo wird es ruhiger, die Welle nimmt langsam ab, der Wind geht runter auf 15, dann 10 dann vor Middelfahrt nur noch 7kn. Die Reffs raus und dann spannende Ansteuerung nach Middelfahrt. Alles drängt sich wieder kreuzender Weise zusammen, das alte Spiel rot gib acht, grün ok. Es ist zwar ruhigeres Segeln, aber Autopilot kommt nicht in Frage, zu kurz sind die Abstände der Boote im Dunkel. Ein Frachter bahnt sich tutend seine Bahn durch die Menge im Dunkeln. Der Industriehafen von Fredericia ein Lichtermeer. Im Sund ist dann der Wind weg. Schweigendes nächtliches Kreuzduell unter den beiden Brücken und mittendrin eine unbeleuchtete Seascape 27. Das muss auch nicht sein, es ist auch so genug, mit kaum Fahrt und Gegenstrom alle Boote und die Brücken im Auge zu behalten. Von Müdigkeit keine Spur. Zwei Stunden dauert das Schleichen durch den Sund. Imme wieder die gleichen Boote, bei jeder Wende, vor allem ein Haufen Seascape 27.

Dann endlich um Galsklint und abfallen. Homerun nach Süden. Vorhergesagt waren 10 kn West, abnehmend. 5 Uhr, Noch im Dunkeln rumort es auf den Vorschiffen, Taschenlampen - aha, die Code 0 werden angeschlagen. Ich dann auch, ist ja ganz ruhiges Wasser im Sund und kaum Wind. Geht erstaunlich gut mit Stirnlampe, endlich wieder 5 kn Fahrt! So kann es laufen bis Bagø, sogar der Autopilot kann steuern. Am Ausgang des Sundes noch Freude, 7 kn, 8kn, 9kn, liefere mir ein Duell mit einer Seascape 27 unter Gennaker. Ein Blick auf den Windmesser- 18kn! Dafür ist der Code 0 nicht gemacht. Ich versuche ihn aufzurollen, was kaum gelingt und zerre das Gewusel unter Deck, während das Boot nur unter Groß noch 7,5 kn läuft. Puh, das wars mit Entspannung, schon wieder klitschnass. Auch die Seascape sucht Schutz hinter einem Inselchen und nimmt den Gennaker weg.

Hinter Bagø gehen dann die Spinnaker und Gennaker hoch. Ich entscheide mich für den Gennaker, denn es sind immer noch 17-19 kn Wind und da ist mir der symmetrische mit Spibaum etc zu gefährlich. Also hoch damit und dann folgen vier Stunden Gennakersegeln, immer die Schot in der Hand, immer bereit abzufallen, wenn der Druck zu groß wird. Genau 150 bis 160 Grad TWA steuern, sonst fällt er ein oder du machst nen Sonnenschuss. Die Fahrt geht hoch bis 9 und 10 Knoten, die Grote Bim Bam ist im Dauerglitsch. Und ich voller Adrenalin, jetzt keinen Steuerfehler. Mit zahlreichen Gennakerhalsen ziehen wir an Lyø vorbei bis zum Svendborgsund. Mir schmerzt eigentlich alles, vor allem der Nacken und die Hände. Vielleicht wäre der Symmetrische doch die bessere Lösung gewesen. Die Sonne brennt, aber ich komme nicht an die Sonnencreme. Dazu müsste ich den Gennaker wegnehmen. Durchhalten, dann eben Sonnenbrand. Die Flasche Cola im Cockpit ist auch leer und ich kann das Ruder nicht loslassen.

Kurz vorm Svendborgsund, es ist Mittag und heiß, verpatze ich zwei Mal die Halse, der Gennaker wickelt sich ums Vorstag. Ich bekomme ihn zwar wieder frei, merke aber, dass ich völlig fertig bin. Beim zweiten Mal falle ich sogar in den Niedergang. Ich kann mich eigentlich blind auf dem Boot bewegen. Zitterig beschließe ich, dass weiteres Gennakersegeln jetzt gefährlich wird und packe ihn weg. Den Svenborgsund runter geht es jetzt im Schmetterling, ausgebaumt mit dem Bootshaken. Das sieht nicht so cool aus, aber mir ist die Platzierung und alles egal, ich brauch ne Pause.

Im Sund kommt mir Kais FCST Empfangskomitee entgegen, super!

Da eh kein Wind ist und wir mehr vom Strom über die Linie geschoben werden, verschenke ich so nur einen Platz. Im Ziel bin ich Fünfter von ca 30 Startern meiner Gruppe. Das hätte ich nicht erwartet. Später, unter der Dusche, falle ich fast hin, weil mein Gleichgewicht verrückt spielt. 25:23 min volle Konzentration, voller Einsatz fordern ihren Preis.

Am nächsten Morgen treffe ich Marianne, die erst spät am Abend reingekommen ist. Auf der Kreuz ist ihre Fock gerissen, und nur unter Groß hatte sie keine Chance. Es gibt einige, vor allem bei den kleinen Boote, die abgebrochen haben und in einen Hafen gelaufen sind. Ich kann das gut verstehen.

Zurück nach Maasholm fahre ich bis Marstal unter Motor und Autopilot und genieße die Sonne. Hinter Marstal geht der Code 0 hoch, musste eh noch trocknen, und mit einer traumhaften Backstagsbrise zieht die Grote Bim Bam unter Autopilot ihre Bahn. Ich sitze auf dem Vorschiff und frage mich, ob Regatta wirklich sein muss. Irgendwie schon, aber im Frieden dahingleiten, wir beide, ist auch ziemlich schön!

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